Auf den Spuren des Konzentrationslagers Beendorf
Bulldogge und Iltis
Diese Tour ist online als scrollbasierte Kurzfassung erlebbar.
Die vollständige Tour können Sie bei einem Besuch am historischen Ort erleben.
In der Tour „Bulldogge & Iltis" in Beendorf erkunden wir das Gelände eines ehemaligen Kali-Bergwerks und dessen Geschichte.
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Hinweis zum Inhalt
In „Bulldogge und Iltis" werden historische Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus behandelt, darunter Zwangsarbeit und Krieg. Die Inhalte sind ernst und können belastend sein.
Gründung als Kali-Bergwerk
Die Geschichte des Bergwerks in Beendorf beginnt am 12. Mai 1897 mit der Teufung - also dem Beginn der Bohrungen für den "Schacht Marie“.
Am 8. März 1910 wird zwei Kilometer entfernt ein unterirdisch verbundener Flucht-Schacht geteuft, Schacht “Bartensleben” in Morsleben.
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Hühnerzucht und Endlager
Der Förderbetrieb im Schacht Marie wurde schon 1923 eingestellt. Seitdem wurde das Bergwerk auf unterschiedliche Weise genutzt
Ab 1959 war Schacht Marie eine unterirdische Hähnchenmastanlage.
Einige Jahre später, von 1978 bis 1998, werden radioaktive Abfälle im Schacht Bartensleben eingelagert.
Heute werden die beiden Schachtanlagen von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) als einziges Endlager Deutschlands verwaltet.
KZ Beendorf
In unserer Tour beschäftigen wir uns mit einer besonders dunklen Phase dieser Geschichte. Ab 1937 wurde der inzwischen stillgelegte Schacht “Marie” und das oberirdische Fabrikgelände an die Wehrmacht verpachtet und als Munitionsanstalt genutzt.
Ab Februar 1944 wurden dann beide Schachtanlagen zu unterirdischen Rüstungsfabriken ausgebaut.
Zwangsarbeiter sollten nun hier für die deutsche Rüstung arbeiten.
Schacht Marie
Ursprünglich war hier das Verwaltungsgebäude des Bergwerks, später Teile der Verwaltung des KZ Beendorf und der Luftmunitionsanstalt.
Einer der Zwangsarbeiter war Albert Rohmer, ein französischer Kinderarzt. Zunächst wurde er als Mediziner im Lager eingesetzt, später musste auch er im Bergwerk arbeiten. Seine Erinnerungen sind schriftlich überliefert. Wir hören einen Auszug aus seinem Protokoll.
Wie beschwerlich die Arbeitsbedingungen waren, beschreiben zahllose Erfahrungsberichte, wie der von von Eligia Piotrowska, die als 18 Jährige aus Warschau für die Zwangsarbeit entführt wurde.
Um die Rüstungsgüter in Handarbeit zu bauen wurde im Schichtbetrieb gearbeitet. In den Erinnerungsprotokollen wird diese Arbeit zu einer immer gleichen, schrecklichen Routine - wie sich z.B. die Niederländerin Antje van M. erinnerte.
Der Kaliberg
Ab 1937 wurden unter Tage 152 Kammern mit einer Größe von je 18 auf 22 Metern angelegt. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden dafür die ersten Zwangsarbeiter eingesetzt: zunächst 40-50 Häftlinge aus dem KZ Buchenwald.
Spätestens 1944 sollten mit größter Dringlichkeit kriegswichtige Produktionsanlagen zum Schutz vor Luftangriffen unter Tage verlegt werden. Dies führte zu einem erneuten und beschleunigten Ausbau der Schachtanlage.
Jetzt wurde der Kaliberg zum Problem - die Rückstände aus der Kaliproduktion ändern mit dem Wetter ihr Aussehen:
Bei Regen wirkt der Berg wie ein gewöhnlicher Erdhügel.
Bei Sonnenschein jedoch beginnt er weiß zu glänzen und wird aus der Luft sichtbar.
Überreste dieser Tarnung sowie Material aus dem Bergbau liegen noch heute auf dem Kaliberg - über die Jahrzehnte konserviert in den Kali-Rückständen.
Spuren einer anderen Zeit, im Salz erstarrt.
Ein Brief
Nach Schließung des KZ Beendorf wurde hier ein Zettel gefunden. Darauf steht in russisch:
Hier hat gearbeitet
Zwangsarbeiter, Gefangener
Leutnant Filatow Fjodor.
Moskau, Frunsenskaja Nabereschnaja,
Haus Nr. 18, Wohnung 22
Den Finder dieses Zettels bitte ich um eine Nachricht an o.g. Adresse.
Vom 1941 bis 1943 Gefangenschaft, von 1943 - 194? Zwangsarbeiter
Möglichkeit zu überleben: keine
Schwarze Wache
Das Wachgebäude des Konzentrationslager wurde Schwarze Wache genannt. Von hier aus kontrollierten SS-Truppen das KZ.
Die Zwangsarbeit wurde im gesamten Reich perfektioniert. Bekannte Firmen erhielten die Aufträge und erfüllten sie mit Tarnnamen, die SS stellte die Bewachung und die Zwangsarbeiter für die Ausführung. Quälerei und Schikane hatte System, kollektiv wurden die Zwangsarbeiter erniedrigt und gefoltert.
Lagerführer war SS-Obersturmführer Gerhard Poppenhagen, ein kaufmännischer Angestellter aus Hamburg. Block und Rapportführer war SS-Rottenführer Anton Jansen Brunken, ein Landwirt aus Ostfriesland.
Der französische Arzt Rohmer beschreibt sie als widersprüchliche Persönlichkeiten.
Nach dem Kriegsende wurde der Lagerkommandant Poppenhagen zu 15 Jahren Haft verurteilt.
Der SS-Rottenführer Brunken wurde wegen mehrfachen Totschlags von einem Militärgericht zum Tode verurteilt.
Halle 15
Heute steht nur noch "Halle 15". In südlicher Richtung standen zwei baugleiche Hallen.
In diesen drei Hallen wurden die zwischenzeitlich bis zu 4000 Zwangsarbeiter untergebracht.
Krystyna Razinska erzählte von der Unterbringung in Halle 13.
Die Hallen waren doppelstöckig: 1500-2000 Häftlinge in Halle 13. Die Männer im Erdgeschoß, die Frauen in der ersten Etage.
Die jüdischen Frauen waren in der Halle 14 untergebracht.
Die Betten wurden im Schichtbetrieb genutzt. Aus einem Protokoll von Erna Dohse.
Ein Bericht von einem Zwangsarbeiter namens Josef Polaçek lässt erahnen, was bei einem Fluchtversuch geschah.
Bahnhof Beendorf
Inzwischen ist der Bahnhof stillgelegt. Hier kamen die Zwangsarbeiter an, als sie nach Beendorf gebracht wurden und von hier wurden sie wieder abtransportiert, als Alliierte Kräfte sich Beendorf näherten.
Am 9. April 1945 wurden 1350 Männer und über 3000 Frauen in 40 Eisenbahnwaggons gezwungen und auf eine mehrtägige Fahrt geschickt. Für die Frauen ging die Fahrt über Wöbbelin bis nach Hamburg, wo sie erst am 21. April 1945 ankamen.
Eligia Piotrowska erinnert sich an diesen „Todesmarsch".
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"Bulldogge und Iltis" besucht.
Eine Reise an einen Ort, an dem
Geschichte nicht abgeschlossen ist,
auch wenn ihre Spuren verschwinden.
Was hier geschah, wurde von Menschen entschieden,
organisiert und ausgeführt.
Es ist unsere Aufgabe daran zu erinnern und
nicht zu vergessen.